Sebastian Krämers Club Genie & Wahnsinn Vol. I
- eine Produktion zugunsten des Zebrano-Theater e.V. -
Veröffentlicht im Mai 2021
CD in Pappstecktasche, 80 Minuten Spielzeit
Label: Reptiphon
Tim Fischer, Dota Kehr, Barbara Thalheim, Christof Stählin, Danny Dziuk, Marco Tschirpke, das Metropolis Orchester Berlin, Herrchens Frauchen, Nadine Maria Schmidt,
Charlotte & Elisabeth, Michael Krebs, Nils Heinrich, C. Heiland, Uta Köbernick, Horst Blue, Arno Rittgen, Annett Kuhr und Sue Scheehan, Uli Zehfuß, Holger Saarmann,
Lennart Schilgen, Matthias Binner, Melvin Haack, Andreas Gundlach und natürlich Sebastian Krämer auf einem Soli-Sampler der Premium-Klasse.
Echo auf Abruf
von Sebastian Krämer
Kann man sich sicher sein, daß das eigene Echo im Spreetunnel auf einen gewartet hat, wenn man nach ein paar Jahren des Aufenthalts in der Ferne zu ihm zurückkehrt und in
den Tunnel ruft? Diese Frage erörtert
Uta Köbernick, untermalt vom Picking ihrer elektrisch abgenommenen Gitarre, und kehrt damit zwar nicht physisch aus der Schweiz
an die Spree zurück, gesellt sich aber auf der hier vorliegenden CD zu uns anderen - verbliebenen und versprengten - Logenbrüdern und -schwestern. Sie war in den Nuller Jahren
eine der ersten, die dem
Club - damals noch Förderverein -
Genie und Wahnsinn feierlich beitraten.
Und siehe da: Utas ganz persönliches, glockenhelles Echo ist nun sogar für uns alle verfügbar. Wir können es anschmeißen, wenn wir uns dazu entschließen:
es steht auf Abruf bereit. Wieder und wieder. Wir haben es zu diesem Zweck tausendfach reproduziert.
Denn
Spreetunnel ist einer von 24 Titeln, die dem
Zebrano-Theater e.V. unentgeltlich für eine Veröffentlichung zur Verfügung gestellt wurden, dies sowohl zum Zwecke einer
Auffüllung der gebeutelten Vereinskasse, als auch um ein wenig Club-Athmosphäre in eure Hausarreste zu tragen. Dabei haben wir auf eine imposante Aufmachung, Booklet und
dergleichen, sehr bewußt verzichtet. Der runde 80-Minüter lagert in einer schlichten Papptasche. So kann jeder Cent des Verkaufspreises an den Verein weitergegeben werden,
der sich derzeit nicht nur durch das Ausbleiben jeglicher Ticketverkäufe, sondern auch eine saftige Mieterhöhung herausgefordert sieht.
Clubmitgliedschaft verpflichtet. Mit
Tim Fischer ist das wohl glamouröseste und mit dem
Metropolis-Orchester Berlin unter der Leitung von
Burkhard Götze das
Mitglied mit den meisten Köpfen in der Zusammenstellung vertreten. Originalaufnahmen von eben jenen Brettern, um die es geht, gesellen sich zu perfekt gemixtem Studio-Material
und natürlich allerlei Bastelarbeiten aus den diversen Wohnzimmer-Manufakturen ...
Die spezielle Lage, in der wir uns nun schon seit über einem Jahr zurechtzufinden haben, wird dabei selten (aber dafür umso eindringlicher in
Matthias Binners Amazing
Grace gesungen) direkt zum Thema gemacht; das Zebrano selbst und seine vage Zukunft hat niemand direkt in den Blick genommen - zwischen den Zeilen jedoch klingt das alles auf Schritt
und Tritt an.
Mit
C. Heiland etwa verbindet uns die Sehnsucht nach
Kuscheln; und
Melvin Haacks
Sag morgens nie „... dass du abends kein Bier trinkst“, ein waschechtes
Sauflied, verhallt am Ende der Platte als sehnsuchtsvolle Apotheose entrückter Tage.
Arno Rittgen nimmt uns mit auf die rege besuchte
Beerdigung von Paul. Vom Tod
eines Freundes,
Samuel D., singt
Uli Zehfuß, vom Tod der Mutter eines Flüchtlingskindes,
Aluna,
Nadine-Maria Schmidt.
„Da wir es fühlten,
daß wir sterben müssen“ heißt es in dem nachgelassenen Gedicht
Karl-Otto-Mühls, der 2020 verstarb und mich leider erst genau damit (will sagen durch
einen Nachruf) auf sein Schaffen und eben diese Verse aufmerksam machte .
Eine andere prächtige Schmuckschatulle mit Hang zum Untergang,
Venedig nämlich, steigt aus den Versen des großen
Christof Stählin vor uns auf. Unser
ist die Ehre, das vermächtnishafte Dokument einer Demoaufnahme für ein Album, das er nicht mehr produzieren konnte, erstmalig auf einen Tonträger bannen zu dürfen.
Aber Stählin, dessen weitreichender Einfluß nicht nur in den Beiträgen seiner vielen hier vertretenen Schüler:innen bemerkbar ist, war außerdem Schmied eines
magischen Schüttelreims, der nun auch in goldenen Lettern über dem Zebrano-Portal prangen könnte: „Daß unsre kleine heile Welt noch eine kleine Weile hält“ -
Charlotte & Elisabeth, unsere neuesten Club-Mitglieder, greifen statt der Vihuela des Meisters zur Ukulele und hauchen der
kleinen heilen Welt neues Leben ein.
„Wenn nur einer so wäre wie sie alle so tun“ ... so einem möchte
Danny Dziuk sein
Silber überreichen und überreicht es dann Johann Sebastian Bach
- bzw. tut so, als wäre er so einer wie der, indem er eine ehrfurchtgebietende Fuge hinlegt. Auch dieser musikalische Höhenflug und die pianistische
Phantasie Andreas
Gundlachs über mein Club-Genie-und-Wahnsinn-Thema sind typisch für die Blüten, die man am Ostkreuz bislang mit Applaus begießen durfte. Den wahren Grund jedoch,
warum es uns immer wieder ins Zebrano zieht, bringt mehr als alles andere ein Text
Bernhard Lassahns auf den Punkt:
Weil es winzig ist, zart in Töne gesetzt von
Annett Kuhr und von dieser im Wechselgesang mit
Sue Sheehan zum Vortrag gebracht.
So ziehen sich Kooperationen und Zitate, Verschränkungen und Ehrerbietungen durch die Tracklist - dem gegenüber stehen einsame Singer-Songwriter wie
Nils Heinrich,
den es ins trübe
Hameln verschlagen hat und
Michael Krebs, der, sonst eher für derbe Komik bekannt, mit einer innigen Ballade über das trostlose Schicksal
alter Landhäuser berührt.
Barbara Thalheim berichtet frei nach Franz Schubert, wie sie sich
Vorm Brandenburger Tore „wendete“, und
Herrchens Frauchen aalen sich mit drei kleinen Worten in
der letzten Genugtuung, die Alt-Linken heute bleibt: die aus solidarischer Bestätigung gewonnene Gewißheit, noch immer recht zu haben. Bezeichnend für die Meta-Bewegtheit
unserer Tage, jenen schrägen Sarkasmus, dem sich politisches Engagement jeglicher Couleur mittlerweile überantwortet findet, sind auch die wohl feministischsten und
meiner
ersten Putzfrau gewidmeten Zeilen aus meiner eigenen Feder: „Es ist das alte Spiel zwischen Mann und Frau, [.] die eine muß schuften, der andre macht blau!“, derer sich
Tim
Fischer angenommen hat, sowie
Holger Saarmanns
Wenn ich mal groß bin, „... glaub' ich auch an irgendwas“ und
Lennart Schilgens
Entschlossenheitslied.
Denn anders als der Titel vermuten läßt, ruft es in kämpferischem Tone dazu auf, ausgerechnet GEGEN die Entschlossenheit die Faust zu erheben: „Wahrer Mut ist Wankelmut!“
Mut also macht uns da gar keiner? Nun ja, immerhin erfahren wir auch: Die Welt muß doch noch nicht untergehen, denn
Dota hat
Schwangere Frauen im Baumarkt gesehen.
Auch
Marco Tschirpke freut sich in
Es regnet, es regnet - über Aquaplaning und die Folgen für den Autoverkehr. Und dann wäre da noch
Horst Blues
arbeitslose Nachbarin Biggi, die nach einem kurzen Coaching des Strahlemanns ihren eigenen erfolgreichen Astro-Kanal an den Start bringt. Okay, das mag ein Märchen sein. Aber
Märchen werden eben wahr, wenn Horst sie uns verkündet:
Wann, Biggi wann „ ...kommt Harmonie, kommt Energy, kommt ein Mirakel, kommt das Glück wie nie?“
Ein bißchen davon kommt ganz bestimmt mit dem Album „
Sebastian Krämers Club Genie und Wahnsinn“, wenn ihr es jetzt für nur
10 Euro plus Versandkosten
bestellt. Nicht virtuell, nur physisch, im klassischen CD-Format, legen wir unseren kleinen Querschnitt durch die Welt des Songwritings vor, wie es sich zur Zeit in Berlin zusammenfindet
(oder zusammenfände, wenn man es ließe). Auf Wortbeiträge und Moderationen wurde für dieses Mal verzichtet. Aber die CD trägt den Vermerk: „
Vol. I“.
Wenn das nicht Hoffnung macht ...
01. Metropolis Orchester Berlin / Burkhard Götze: Ouvertüre Genie und Wahnsinn (Krämer)
02. Horst Blue: Wann, Biggi, wann
03. Annett Kuhr und Sue Sheehan: Weil es winzig ist (Kuhr/Lassahn)
04. C. Heiland: Kuscheln
05. Marco Tschirpke: Es regnet, es regnet
06. Nils Heinrich: Hameln
07. Matthias Binner: Amazing Grace gesungen
08. Charlotte & Elisabeth: Die kleine heile Welt (Christof Stählin)
09. Uta Köbernick: Spreetunnel
10. Sebastian Krämer: Da wir es fühlten (Krämer/Karl Otto Mühl)
11. Nadine Maria Schmidt: Aluna
12. Christof Stählin: Venedig
13. Danny Dziuk: Silber-Variationen
14. Dota Kehr: Schwangere Frauen
15. Michael Krebs: Freilichtmuseum
16. Tim Fischer: Meine erste Putzfrau (Krämer)
17. Uli Zehfuß: Saumel D.
18. Andreas Gundlach: Genie und Wahnsinn Phantasie (Krämer/Gundlach)
19. Barbara Thalheim und Band: Vorm Brandenburger Tore
20. Holger Saarmann und SAGO: Wenn ich mal groß bin
21. Arno Rittgen: Die Beerdigung von Paul
22. Lennart Schilgen: Entschlossenheitslied
23. Herrchens Frauchen: Die drei kleinen Worte
24. Melvin Haack: Sag morgens nie
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